Hallo an alle,
Heute möchte ich meine Erfahrungen im Bereich Technologieakzeptanz und Zusammenspiel von Technologie und Pflege in der Praxis schildern.
Bei cogvis entwickeln mein Team und ich KI-gestützte Sensorsysteme auf Basis eines 3D-Sensors, welche Bewegungen in Echtzeit analysieren, um in kritischen Situationen frühzeitig zu reagieren und Sicherheit im Pflegealltag zu schaffen.
Dadurch konnten wir beispielsweise in Sundsvall in Schweden eine unglaubliche Sturzreduktion von 77% erreichen.
Gleichzeitig ist diese Sturzreduktion auch davon abhängig, wie effektiv Pflegekräfte unsere Lösung einsetzen: inwiefern sie die Einstellungen der Technologie auf die individuelle Situation der Patient*innen und Bewohner*innen anpassen und sich mit den möglichen Entlastungen auseinandersetzen.
Zwei konkrete Beispiele:
Sundsvall: Innerhalb der ersten drei Monate der Implementierung unserer Systeme lag die Sturzreduktion bereits bei 64%. Mit zunehmender Erfahrung und einem vertieften Verständnis seitens des Pflegepersonals stieg dieser Wert schon nach drei Monaten auf 77%
Herz-Jesu-Krankenhaus Wien: Auch hier wurde die Sturzprävention klar priorisiert. Bereits durch die Implementierung von nicht-technischen Maßnahmen wurde eine Sturzreduktion von 30% erreicht. Mithilfe unseres Sensors konnten wir dann direkt nach der Implementierung eine weitere Sturzreduktion von 33% on top erzielen. Nach einer kurzen Trainingsphase stieg dieser Wert auf 50%.
Diese Beispiele zeigen aus meiner Sicht sehr deutlich, wie wichtig Trainings- und Eingewöhnungsphasen bei neuen Technologien sind, damit sie gut in den Pflegealltag integriert werden und das Pflegepersonal nachhaltig unterstützen können.
Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass man sich nicht von reinen Marketingzahlen beeindrucken lassen sollte. Diese Kennzahlen sind oft nur eingeschränkt aussagekräftig, da sie stark vom jeweiligen Einsatzkontext abhängig sind.
Welche Erfahrungen habt ihr zum Thema neue Technologien und Technologieakzeptanz in der Pflege oder im Gesundheitsbereich gemacht?
LG
Rainer Planinc
Lieber Rainer,
vielen Dank für Deinen Gesprächsimpuls. Meine persönliche Erfahrung ist zusammengefasst
1) Transparenz: Wir brauchen eine Ort, an dem wir konstruktiv über die Reichweite UND Limitationen von Technik sprechen können (ohne dass dadurch Vorurteile genährt werden)
2) Kontextabhängigkeit: Wir müssen mehr über den Einfluss des Kontext auf die Wirkung und Bewertung von Technik sprechen.
Marketingzahlen:
Vielen Dank für die Limitation. Gleichzeitig können wir die Zahlen kräftigen - gerade wenn man wie ihr über grössere Fallzahlen verfügt, wenn wir die absoluten Zahlen angeben (Weiterführend: Gerd Gigerenzer: Das Einmaleins der Skepsis https://d-nb.info/964206412 )
- Wenn wir erst 30%, dann 33% und später 50% reduzieren - haben wir dann total um 113% reduziert - oder um 77%?
- Gigerenzer empfiehlt hier zu sagen: dass im ersten Zeitraum (2023) 100 Menschen gestürzt sind.
- Im Vergleichszeitraum 2 mit Massnahme 1 nur 70 statt den zu erwarteten 100
- Im Vergleichszeitraum 3 mit Massnahme 1+2 nur 47 statt den zu erwarteten 100
- in im Vergleichszeitraum 4 mit Massnahme 1+2+3 nur noch 23 statt den zu erwarteten 100
--> Das macht die Darstellung von Erfolgen für Startups erst einmal vermeintlich schwierig, weil sie nicht über hohe Fallzahlen verfügen. ABER: Sie können über qualitative Berichte letztlich die Erzählungen liefern - die den gleichen Zweck erfüllen wie die Statistik: Vertrauen schaffen. (wir Menschen möchten primär ja keine falschen Entscheidungen treffen)
Falsche Entscheidungen / Akzeptanz
- Akzeptanz als Top-Down-Artefakt: Meine Erfahrung in der Individuellen Einzelfallberatung führt mich zur Hypothese: "Akzeptanzprobleme sind primär ein Artefakt aus einer Top-Down-Logik". Begründung: Wenn eine technische Lösung ein (aktzeptiertes) Problem einer Person besser (d.h. einer als positiv wahrgenommenen Bilanz zwischen erwünschten und unerwünschten Effekten), dann gibt es kein Akzeptanzproblem.
Wann haben wir eine Top-Down-Logik? z.B. wenn das Forschungsziel nicht dem der User entspricht. In der Praxis wenn der Blick auf Probleme von Management und operativer praxis nicht harmonisiert sind. Ich habe die Belege noch nicht wasserdicht - aber ich habe den Eindruck, dass es selbst bei gleichen Zielen und Problemen zu Ablehnung kommt, wenn die Parteien denken, dass die andere Seite nicht auf Linie sind (selbst wenn ein Mediator von Aussen sich darüber freut, dass sie im Grunde das gleiche wollen)
- Innovations-Bias: Ich habe den Eindruck dass es gerade im Bereich der Innovation oft nicht um die Akzeptanz der Lösung geht, sondern um die Veränderung an sich. Innovatoren müssen nicht nur das Produkt entwickeln - sondern unglaubliche Leistungen in der "Aufklärung" vollbringen. Sie bewegen sich auf einem Schmalen Grat zwischen "Das kenne ich schon" und "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht." Will meinen: Wenn eine Innovation zu nah am bekannten ist, wird sie nicht als Innovation wahrgenommen. Wenn eine Innovation zu weit weg vom Bekannten ist, wird sie nicht verstanden. In beiden Fällen überwiegt dann die Skepsis - und damit der Wunsch nach Vermeidung von Fehlentscheidungen.
- Kontextabhängigkeit: Was in meinem Feld der Einzelfallberatung bisher noch kaum Platz findet, ist der Kontext. Die Leute wünschen sich immer eine "gute" Lösung. Gut ist hier wieder eine Bilanz der erwünschten und unerwünschten Effekte. Ich habe aber mehr und mehr den Eindruck, dass der Kontext hier einen grösseren Einfluss hat als die Lösung selbst. Das Spiegelt sich auch in Deinen Zahlen wieder: Wenn über Schulungen nochmals um 50% verbessert werden kann, zeigt das, wie wenig Kontrolle (über die "intendierte" oder "nicht intendierte" Anwendung Hersteller & Management mit der technischen Lösung an sich haben).
(Was nicht nur die Bedeutung der Erstimplementierung - sondern auch der Schulung im Kontext von Fluktuation betont)
Beides betont aber auch, dass wir einen Platz brauchen, an dem wir offen auch über die unerwünschten Effekte von Innovationen sprechen müssen. Die Hersteller können das nicht allein machen - weil der erste in der Welt des Marketing für Transparenz bestraft werden würde.
Herzliche Grüsse
Josef