Wer kennt/hat valide Kosten-Nutzen-Rechnungen? Nach welchen Kriterien werden diese erstellt?
Liebe Kerstin,
das ist eine spannende Frage.
Ich würde da Zweifel anmelden, dass ein valides Instrument tatsächlich praktikabel umgesetzt werden kann.
- Eine Limitation liegt in der Netzwerkwirkung von Sozio-Technischen-Arranagements - Es ist genauso "falsch oder richtig" Ausschliesslich auf die Wirkung eines Technischen Produkts zu schauen - wie immer auf das gesamte Arrangement zu schauen. Schauen wir nur auf das Produkt, dann Berücksichtigen wir nicht die Einflüsse der Strukturen und Prozesse aussen herum. Schauen wir aber auf das Gesamtsystem, dann verlieren wir uns in der Komplexität (Endet das Gesamtsystem wirklich, wenn eine Kollegin Feierabend hat - oder Berücksichtigen wir auch die Effekte, die deutlich weiter gehen?)
- Die Veränderungen sind zudem nicht statisch. Einerseits werden wir unterschiedliche Kosten und Nutzen haben, wenn wir eine Technik in konkrete Strukturen und Prozesse Einführen (Stichwort "Implementation-Gap") - auf der Anderen Seite werden sich Kosten und Nutzen ganz anders verhalten, wenn eine Technologie in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.
- Nicht zuletzt müssten gerade die impliziten und nicht monetär berücksichtigten Dinge berücksichtigt werden. Im Gesundheitswesen haben wir ein durchaus recht klares Bild über die Kosten (die retrospektiv entstanden sind). Gerade der Nutzen der Prävention ("there is no glory in prevention") aber auch der Gesundheit ist schwierig. Wir wissen, was eine gebrochene Hüfte Kostet - aber nicht, wie wir eine gesunde Hüfte bewerten können. Wir wissen, dass Freundlichkeit und Höflichkeit wichtig sind - aber nicht, was sie auf monetärer Ebene Kosten oder Nutzen (vermutlich ist das auch sehr gut so).
Gedankenspiel: Wie kommen wir aus dieser Situation heraus?
1) Rund-um-die Uhr-Monitoring (mit Video und Ton) - hier könnten wir sehr vieles, das bisher nicht dokumentiert werden kann erfassen und Nacherheben, mit automatisierter Auswertung könnte man da durchaus sehr vieles machen. (Weniger moralisches Unbehagen macht mir das, wenn ich das nur für Konkrete, begrenzte Laborsituationen denke.)
2) Vielleicht ist es aber auch besser, viel pragmatischer zu denken: In einem meiner ersten Bürgerlabore haben wir Nachtlichter ausprobiert. Und eine Seniorin hat zu mir gesagt: "Vielen Dank. jetzt weiss ich ganz genau, was ich nicht möchte." (ich musste nachfragen - sie wusste schon auch ungefähr, was sie wollte - aber eben ganz klar, was sie nicht möchte. Und dieses Phänomen erlebe ich häufig: Wir können zwar nicht äussern weshalb genau - aber unser Gefühl zur Wirksamkeit - ob von den Professionals oder auch von den Expertinnen und Experten in eigener Sache - ist eigentlich schon ganz zuverlässig. Sie kennen den Kontext sehr umfassend - und können darin die Technik recht gut verorten (je nachdem, wie transparent die Technik bereits ist).
--> vielleicht ist unsere Problem auch gar nicht die Kosten-Nutzen-Rechnung ans ich - sondern das Probleme, diese über verschiedenste Kontexte hinweg zu gestalten oder die Ergebnisse Kontextsensibel einzuschätzen?
Herzliche Grüsse
Josef
Lieber Josef,
vielen Dank für Deine Ausführungen.
Ich bin auf der Suche nach guten Argumenten und im besten Fall eben messbaren Wirkungen für erfolgreiche Implementationen / Transformationen.
Etwa wenn wir hier X investieren, ersparen wir uns dort Y in der Zukunft.
Die realen Finanzflüsse (Preventionen / Vermeidung vs. Folgen eines Ereignisses) sind dann noch einmal eine ganz andere Diskussion.
LG
Kerstin